13.01.2026

14:42 |  Die Große Amerikanische Jihad-Party: oder: Wie man Monster züchtet und sich dann über die Bisswunden wundert...

Wenn man die Story in einen Werbe-Folder pressen müsste, stünde wohl da:

Problem: Sowjets/Russen stören die US-Geostrategie.
Lösung: Bewaffne islamistische Milizen als billige Stellvertreter.
Bonus: Pakistan/Saudi zahlen mit oder dienen als Pipeline.
Risiko: Das Milieu radikalisiert sich, exportiert den Jihad – und beißt irgendwann zurück.
PR-Strategie: „Wir haben nie Al-Qaida unterstützt.“ (Logisch. Man hat nur das Ökosystem gedüngt.)

Und genau diese Unterscheidung – direkt vs. indirekt , Absicht vs. Folge – ist der Kern dieser Quellenlage.

In den 1980er Jahren, als der Kalte Krieg noch richtig eisig war, entscheiden die USA, dass es eine super Idee ist, eine Bande von fanatischen Gotteskriegern sagen wir mal zu fördern, um die Russen aus Afghanistan zu vertreiben. "Feind meines Feindes ist mein Freund" eh schon wissen... Geld, Waffen, Training – alles da, alles im Überfluss, über dubiose Kanäle wie Pakistans Geheimdienst ISI. Das Ergebnis? Die Russen packen ihre Koffer, der Sowjetstern verblasst, und die USA feiern sich als die Superhelden. Und... wer denkt schon an die Nachwehen? Diese "Freiheitskämpfer" werden ja nicht plötzlich zu Terroristen mutieren und uns angreifen, das machen die bestimmt nicht, niemals...

Al-Qaida, Taliban und Co. sind die ungewollten Kinder dieser Party, und der Blowback hat uns Jahrzehnte Kriege, Tausende Tote und Milliarden Dollar, Euro und sonnst was gekostet. Zynisch betrachtet: Die USA haben nicht nur den Kalten Krieg gewonnen, sondern auch den nächsten heißen Krieg selbst angezündet.

Fangen wir beim Kern der Sache an: Die USA haben Milliarden in ein Programm namens Operation Cyclone gepumpt, um die Mudschahidin zu bewaffnen. Das war eine kalte Berechnung. Eine Quelle aus dem US-Außenministerium von 2010 zeigt Hillary Clinton in einem Interview, wo sie offen zugibt: "Wir hatten diese brillante Idee, nach Pakistan zu kommen und eine Mujaheddin-Truppe zu schaffen, sie mit Stinger-Raketen und allem auszustatten, um die Sowjets in Afghanistan anzugreifen." Sie erklärt den Kontext: Die USA haben die Sowjets besiegt, aber dann alles stehen und liegen lassen, was zu einem "Durcheinander" führte. Wir kämpfen heute gegen die, die wir gestern finanziert haben  Jaaa voll genial!!!

Ein Video zeigt Clinton auf CNN, die zynisch lachend erklärt, wie Reagan und der Kongress die ISI und Pakistaner einspannten, um Mudschahidin zu rekrutieren, inklusive Saudis mit ihrer wahhabitischen Ideologie. Der Clip zeigt auch dass es "keine schlechte Investition" war, die Sowjetunion zu Fall zu bringen – aber Vorsicht beim Säen, denn... wir ernten es jetzt. Immer und überall.

Und...

"Ja wir haben geholfen, das Problem zu schaffen, das wir jetzt bekämpfen." Es verbindet das mit späteren US-Fehlern in Libyen und Syrien und kritisiert den "Kollateralschaden" – 13.000 tote Zivilisten in Afghanistan.

 Ein Artikel aus der Oxford Research Encyclopedia zur US-Rolle im Sowjet-Afghan-Krieg beschreibt, wie die USA Operation Cyclone eskalierten, um die Sowjets in einen teuren Guerillakrieg zu verwickeln – ihr "Vietnam". Er erklärt die Beteiligung von Pakistan (ISI als Verteiler) und Saudi-Arabien (Geldmatching), den Erfolg (Sowjet-Rückzug 1989) und die langfristigen Folgen: Radikalisierung, Bürgerkrieg, Aufstieg der Taliban und al-Qaida alles da.  Kurze Siegreiche Party, sehr lange Ausnüchterung.

Die Wikipedia-Seite zu Vorwürfen der CIA-Hilfe für Osama bin Laden klärt uns natürlich auf. Es gibt keine Beweise für direkte Finanzierung oder Training von bin Laden, das ist ein Mythos. Aber indirekt: Durch ISI flossen US-Waffen zu Alliierten wie Hekmatyar und Haqqani, die bin Laden halfen. Der Artikel listet Pro- und Contra-Argumente, zitiert Experten ("keine Evidenz") und zeigt, wie das Jihad-Ökosystem al-Qaida ermöglichte. Richtig... Die Amis haben nicht direkt gezahlt, aber den Terror mitgefüttert. 

Von 1979-1992, 3 Milliarden US-Dollar, gematcht von Saudis, Waffen wie Stingers, alles über ISI. Es favorisierte radikale Gruppen wie Haqqani, trainierte Zehntausende, führte zum Russen-Rückzug – aber auch wieder zum Blowback: Taliban und al-Qaida entstanden aus genau diesem Netzwerk.

Ein Kongress-Transkript von 2009 zeigt Clinton in einer Anhörung: "Die Leute, gegen die wir heute kämpfen, haben wir vor 20 Jahren finanziert." Sie beschreibt die ISI-Kooperation, saudische Rekrutierung, Wahhabismus-Import, Sowjet-Niederlage – dann Abzug, Stingers und Minen zurücklassen, Sanktionen. Sie gibt zu: "Wir müssen Verantwortung übernehmen für unseren Beitrag zu den Problemen." Das ist ein offizielles Protokoll einer Haushaltsanhörung, das die "sow and harvest"-Warnung enthält.

Ein Dokument aus 1980 dokumentiert den Start: Am 3. Juli 1979 erste non-lethale Hilfe (695.000 Dollar), am 28. Dezember 1979 tödliche Waffen nach der Sowjet-Invasion. Alles über ISI und Saudis, mit Risiken wie Leaks. Es ist ein deklassifizierter Bericht, der den schrittweisen Einstieg in die Bewaffnung zeigt. Alles Offiziell belegt frei im Internet lesbar, wie die USA den Schalter umlegten – von Propaganda zu Raketen.

Und natürlich die reflexartigen Dementi! FactCheck.org widerlegt Rand Pauls Behauptung, die USA hätten bin Laden bewaffnet: "Urban Myth", keine Evidenz. "Experten" wie Bergen ("kein Beweis") und CIA-Leute ("nie passiert") bestätigen: Kein direkter Kontakt, Hilfe nur für Afghanen. Natürlich, glauben wir alle sofort... 

Ein Kongress-Protokoll von 1995: Senator Pressler verteidigt sein Amendment, das ab 1990 Sanktionen gegen Pakistan verhängte wegen Nuklearprogramm. Er erklärt, wie 1980er-Hilfe (5 Milliarden) den Afghan-Kampf finanzierte, aber dann der Stopp kam. Es ist eine Rede über F-16-Jets und Nonproliferation. Nach dem Sieg... danke und tschüss, Pakistan, kümmere dich um deine Atombombe selbst.

Und, der 9/11-Commission-Report Al-Qaida entstand aus dem Afghan-Jihad, wo bin Laden gegen die Sowjets kämpfte. Taliban boten Safe Havens, Pakistan unterstützte sie. US-Fehler: Keine Imagination, schwache Diplomatie. Es verbindet das mit Blowback aus 1980er-Politik. Was wohl die vielen Toten dazu gesagt hätten?

Das National Security Archive zu "Pakistan: The Taliban's Godfather" sammelt deklassifizierte Docs, die Pakistans Unterstützung für Taliban zeigen: ISI gab Geld, Waffen, Training etc. Verbindungen zu Extremisten, Grenz-Safe-Havens. Es ist eine Sammlung die die US-Sorgen um Diplomatie-Fehlschläge erklärt. 

Fazit Wenigstens sind wir die Russen losgeworden... für eine Weile. JE

Quellen-Liste
https://2009-2017.state.gov/secretary/20092013clinton/rm/2010/07/144969.htm?safe=1
https://www.youtube.com/watch?v=2TBZNKjHbDc
https://oxfordre.com/americanhistory/display/10.1093/acrefore/9780199329175.001.0001/acrefore-9780199329175-e-832
https://www.youtube.com/watch?v=AwpR6ngoSjQ
https://en.wikipedia.org/wiki/Allegations_of_CIA_assistance_to_Osama_bin_Laden
https://en.wikipedia.org/wiki/Operation_Cyclone
https://www.govinfo.gov/content/pkg/CHRG-111hhrg55951/html/CHRG-111hhrg55951.htm
https://history.state.gov/historicaldocuments/frus1977-80v12/d267
https://www.factcheck.org/2013/02/rand-pauls-bin-laden-claim-is-urban-myth/
https://www.govinfo.gov/content/pkg/CREC-1995-06-28/html/CREC-1995-06-28-pt1-PgS9227.htm
https://www.govinfo.gov/content/pkg/GPO-911REPORT/pdf/GPO-911REPORT-24.pdf
https://nsarchive2.gwu.edu/NSAEBB/NSAEBB227/index.htm
https://www.youtube.com/watch?v=HqIL7q0RWiI

09.01.2026

10:17 | Mises:  Krieg ist schlecht fürs Geschäft – es sei denn, Krieg ist das Geschäft

Die Mafia steht in der öffentlichen Wahrnehmung für Gewalt, Einschüchterung und Verbrechen. Ihre Geschichte ist blutig, ihre Machtspiele sind oft tödlich. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Die Struktur und Logik mafiöser Organisationen ähnelt in mancher Hinsicht der Machtmechanik moderner Staaten. Ein entscheidender Unterschied bleibt: Während die Mafia von Stabilität profitiert, verdienen Staaten an Instabilität – manchmal sogar an Krieg. Der Unterschied liegt weniger im Ziel als in Größe, Selbstbild und gesellschaftlicher Legitimation.

08.01.2026

15:17 |  Blackout-Test: Durchgefallen... Nach dem Strom kommt die Realität

Der Terroranschlag in Berlin hat vielen Menschen eine kurze, aber wichtige Erkentnis gegeben, wie sich ein Kontrollverlust anfühlt. Nämlich wegen dem was danach kam: Verwirrung, widersprüchliche Informationen, überforderte Notrufe, hektische Einsatzkräfte und eine Bevölkerung, die nicht wusste, was eigentlich los ist. Und das alles, obwohl nicht ganz Deutschland oder gar ganz Europa betroffen waren.

Und genau darin liegt der eigentliche Erkenntnisgewinn: Schon ein einzelnes, lokales Ereignis bringt das System zum Zusammenbrechen. Nicht weil niemand willens ist zu helfen, sondern weil unsere gesamte Ordnung auf Normalbetrieb ausgelegt ist. Sobald etwas Unerwartetes passiert, geraten Abläufe ins Trudeln, Zuständigkeiten sind nicht geklärt, Informationen fehlen – und Unsicherheit breitet sich aus.

Überträgt man dieses Bild auf einen echten, großflächigen Blackout der wirklich lange dauert, etwa in ganz Europa, wird klar, wie dramatisch die Lage wäre. Denn dann gäbe es niemanden mehr, der „von außen“ hilft. Keine Nachbarländer mit funktionierenden Netzen. Keine zusätzlichen Einsatzkräfte. Keine zentrale Koordination. Jeder wäre gleichzeitig betroffen.

Das Erste, was in einem solchen Szenario ausfällt, ist die Kommunikation. Mobilfunk hält nur wenige Stunden, Internet verschwindet, Radiosender gehen vom Netz. Behörden verlieren den Überblick, Bürger bekommen keine verlässlichen Infos mehr. Und wo Information fehlt, entstehen Gerüchte, Angst und Fehlentscheidungen. Menschen handeln dann nicht irrational – sie handeln instinktiv, aus Selbstschutz und aus Angst.

Der Staat wäre zwar noch physisch vorhanden... irgendwie... aber organisatorisch kaum handlungsfähig. Polizeistationen ohne IT, Leitstellen ohne Software, Krankenhäuser im Notbetrieb, Verwaltungen geschlossen. Hilfe würde zur Nachbarschaftlichen Ausnahme, nicht zur Regel. Wer Glück hat, bekommt Unterstützung. Wer Pech hat, bleibt allein.

In genau diesem Moment beginnt etwas sehr Gefährliches: der Übergang von Ordnung zu Selbstrettung. Supermärkte wären innerhalb weniger Stunden leer geplündert. Geldautomaten funktionieren nicht mehr und würden sowieso ausgeraubt. Tankstellen geben keinen Sprit aus. Lieferketten reißen ab. Und wenn Menschen merken, dass sie auf sich selbst gestellt sind, verändert sich das soziale Verhalten schnell. Dann kommt das wilde Tier zum Vorschein. Millionen Menschen erleben gleichzeitig einen massiven Kontrollverlust – überfordert von der Situation, kippt die Unsicherheit in Panik, und aus Panik wird Anarchie...

Und hier kommt ein Punkt hinzu, über den kaum offen gesprochen wird: organisierte Kriminalität und die üblichen Fachkräfte. Es ist eine Realität, dass es in Europa inzwischen zahlreiche gut vernetzte Banden gibt – darunter auch Viele, die bereits mehrfach straffällig waren, bewaffnet sind, gut geübt in Gewalt sind und uns und den Staat sowieso nicht respektieren. Für genau diese Gruppen wäre ein Blackout Jackpot, wie sie besser kaum sein könnte.

Unsere direkte Umgebung würde zu einer No-Go-Area...
Wenn Polizei nur eingeschränkt oder später dann gar nicht mehr funktionsfähig ist, wenn Kommunikation ausfällt, wenn keine Hilfe mehr zu erwarten ist, dann haben organisierte Straftäter einen massiven Vorteil. Sie sind mobil, oft bewaffnet, handeln schnell und ohne Skrupel. Plünderungen, Raub, Erpressung, Übergriffe – all das ließe sich nicht verhindern. Und dem hätte die normale Bevölkerung nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. (Es sei denn, man händigt die Omas gegen räächts aus... )

Und... man kann von den Evakuierungen der Fachkräfte halten, was man will, aber in einer richtigen, länger anhaltenden Krisensituation möchte ich nicht mehrere Hundert dieser gut Ausgebildeten in meiner unmittelbaren Umgebung haben.

Der Staat lebt also von funktionierenden Strukturen. Fallen diese weg, setzt sich nicht automatisch „das Gute“ durch, sondern das Durchsetzungsfähige, Brutale, Bewaffnete. Wer organisiert ist und Gewalt einsetzt, dominiert dann unsere Räume... Alle...

Der Anschlag in Berlin war deshalb ein Fenster in die Verletzlichkeit unserer Systeme. Er hat gezeigt, wie schnell Unsicherheit entsteht, wie langsam Information fließt und wie begrenzt und überfordert staatliche Kontrolle unter Stress ist. Er hat gezeigt, wer vorgesorgt hat, wer psychisch stabil und gut vernetzt ist.

Am Ende blieben dann vor allem drei Dinge: das direkte Umfeld, persönliche Vorbereitung und Improvisation. Nicht die große Politik, nicht Krisenstäbe, nicht europäische Koordinierungsrunden. Sondern Nachbarschaft und Familie – oder eben das Fehlen davon.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum dieses Thema so gern verdrängt wird. Ein Blackout ist kein dramatisches Filmszenario mit attraktiven Helden. Er ist kalt, chaotisch, langwierig und zermürbend. Er zeigt, wie dünn die Schicht der Ordnung und Anarchie wirklich ist.

und hier noch einige best offs zum Thema... JE

correctiv: Blackout: Wie das Katastrophenszenario eines Stromausfalls für Panikmache und Profit genutzt wird

Ein großflächiger und langanhaltender Stromausfall bedeutet das vorübergehende Ende der Zivilisation. Den sogenannten Blackout nutzen besonders die politische Rechte und verschwörungsaffine Menschen, um Stimmung gegen erneuerbare Energien und den Staat zu machen. Wir haben mit Experten darüber gesprochen, wie gut Deutschland auf den Ernstfall vorbereitet ist und ob er überhaupt eintreten wird.

HB: Blackout – wenn die Panik selbst die größte Gefahr wird

Gaskocher, Taschenlampe, Wasser, Konserven, Streichhölzer, Kerzen … Sind Sie gewappnet für einen Blackout im Winter? Einen flächendeckenden, über mehrere Stunden andauernden Stromausfall in ganz Deutschland? Falls nicht, ab zum Supermarkt. Zumindest wenn es nach den neuerdings zahlreichen selbst ernannten Blackout-Experten geht.

 

06.01.2026

17:35 | Leseratte

Ergänzend zum Artikel von Rüdiger Raulfs eine etwas abweichende Einschätzung über die Zukunft des Landes, allerdings ebenalls unter der Überschrift, dass Venezuela zum "letzten Vietnam" wird.

Zitat:   
Wie Geschichte sich wiederholt - Warum Venezuela für die USA zum "letzten Vietnam" wird – Teil 1 und Teil 2

Donald Trump kündigte an, dass sein Kriegsminister Venezuela „regieren“ werde, bis die Vereinigten Staaten das durchführen können, was er als «sicheren, ordnungsgemäßen und vernünftigen Übergang» bezeichnet. Dies wird jedoch nicht geschehen.

Bis jetzt haben sich die Milizen Venezuelas, insbesondere die Bolivarische Miliz und die als Colectivos bekannten städtischen paramilitärischen Netzwerke, nicht zurückgezogen. Weit davon entfernt, dem amerikanischen Kriegsminister und einer von den USA eingesetzten «Gruppe» die Führung des Landes zu überlassen, sind sie zu den Hauptakteuren eines sich rasch entwickelnden chaotischen und gefährlichen Widerstands geworden.

Seit der Entführung von Nicolás Maduro und seiner Frau ist Caracas praktisch zu einer Geisterstadt geworden. Die Bürger bleiben der Arbeit fern, Geschäfte sind geschlossen, und die Menschen bleiben wegen der Colectivos in ihren Häusern. Die patriotischen Paramilitärs sind nun die sichtbarste bewaffnete Präsenz in der Hauptstadt. Zwar haben die Delta Force und die US-Luftstreitkräfte während des kurzen Überfalls, bei dem Maduro entfernt wurde, eine überwältigende taktische Überlegenheit erreicht, doch haben sie keine dauerhafte Kontrolle über die Wohnviertel etabliert. Dieses Vakuum wurde lokal, Block für Block, gefüllt.

Die Colectivos haben auch den Konflikt neu definiert. Was einst als Kampf zur Verteidigung Maduros dargestellt worden wäre, wird nun als «dekolonialer Krieg» gegen die US-Besatzung umgedeutet. Diese narrative Verschiebung ist von Bedeutung. Sie verwandelt den Kampf von einer Verteidigung des Regimes in einen nationalen Widerstand und macht die Colectivos zum Haupthindernis für die «Sicherheit», die Washington nach eigenen Angaben gewährleisten will.

Trotz der Behauptungen der USA, das venezolanische Militär sei «handlungsunfähig», erklärte Verteidigungsminister Vladimir Padrino López gemeinsam mit Vizepräsidentin Delcy Rodríguez im nationalen Fernsehen, dass die Streitkräfte und Milizen der Bolivarischen Revolution treu bleiben. Ob dies ein einheitliches Kommando widerspiegelt oder nicht, ist nebensächlich; es signalisiert Kontinuität, Trotz und die Absicht, Widerstand zu leisten.

Der amerikanische Kriegsminister hat betont, dass «Präsident Trump die Bedingungen festlegt». In der Praxis werden diese Bedingungen bereits durch asymmetrische Kriegsführung neu geschrieben. Das ist kein vielversprechender Anfang.

Laut dem Robert Lansing Institute wird es, wenn sich die Vereinigten Staaten auf Luftangriffe und Spezialeinsätze beschränken und den Venezolanern die Bewältigung des Übergangs überlassen, wahrscheinlich nicht zu einem klassischen Guerillakrieg gegen US-Truppen kommen, sondern zu Unruhen in den Städten, bürgerkriegsähnlichen Zuständen und gezielten Angriffen auf vermeintliche Kollaborateure. Umgekehrt warnt Lansing, dass eine große und lang anhaltende Präsenz von US-Truppen mit ziemlicher Sicherheit einen breiteren, besser organisierten bewaffneten Widerstand auslösen würde.

Beide Wege sind düster. Trump hat einen Prozess in Gang gesetzt, den er nicht so einfach rückgängig machen kann, und es gibt keinen sauberen Ausweg für ihn oder seinen Kriegsminister. In den nächsten sechs bis zwölf Monaten ist episodische Gewalt am wahrscheinlichsten: Bombenanschläge, bewaffnete Zusammenstöße in Hochburgen der Chavisten, gezielte Attentate und kriminelle Aktivitäten im Zusammenhang mit Banden, die den Zusammenbruch der Autorität ausnutzen.

Je länger die USA eine sichtbare, groß angelegte militärische Präsenz auf venezolanischem Boden aufrechterhalten, desto wahrscheinlicher wird das sogenannte «Vietnam-Modell». Wenn Washington wirklich beabsichtigt, Venezuela zu «regieren», bis ein Übergang herbeigeführt werden kann, wird es eine beträchtliche Anzahl von Soldaten benötigen und wahrscheinlich auch verlieren.

Der Widerspruch ist im Zusammenhang mit Öl am deutlichsten. Während US-Beamte offen über den Wiederaufbau der venezolanischen Ölinfrastruktur sprechen, wird erwartet, dass Milizen und loyale Militäreinheiten diese Anlagen ins Visier nehmen, um die Plünderung durch Ausländer zu verhindern. Diese Dynamik ist bereits im Orinoco-Gürtel zu beobachten, der etwa zwei Drittel der venezolanischen Ölproduktion ausmacht. Die Vereinigten Staaten kontrollieren zwar Häfen und Terminals, aber die Milizen kontrollieren Pipelines und Territorium. Die Produktion befindet sich im freien Fall.

Trump hat versprochen, «große Mengen Öl» zu verkaufen. Derzeit wird dieses Versprechen durch asymmetrische Kriegsführung blockiert, ein Phänomen, das US-Beamte öffentlich anerkennen, dessen Folgen sie jedoch unterschätzen. Kurz gesagt: Die Vereinigten Staaten mögen zwar die Ölterminals und befestigten Regierungsgebäude «kontrollieren», aber die Milizen Venezuelas kontrollieren die Straßen und einen Großteil des ländlichen Kernlandes.

Trump und seine Berater stehen vor einem Albtraum der Strafverfolgung, in dem jeder Stadtblock Gefahr läuft, zu einem blutigen Schlachtfeld zu werden. Und nach allen verfügbaren Indikatoren hat dieser Albtraum bereits begonnen.

https://t.me/analytik_news/60746
https://t.me/analytik_news/60747

18:21 | Leser Kommentar
Vielleicht gelingt es Trump ja, auch hier die EU für seine Zwecke einzuspannen, in einen Krieg zu verwickeln der sie genau so nichts angeht wie der in der Ukraine und in der Folge noch für alles finanziell geradezustehen. Das wäre dann virtuose Meisterschaft! 

06.01.2026

14:28 | Rüdiger Rauls: Venezuela offenbart Amerikas Schwäche

US-Präsident Trump hat seinen venezolanischen Kollegen Maduro durch sein Militär entführen lassen. Was gedacht war als Machtdemonstration, verkehrt sich in sein Gegenteil. Die USA können entgegen allen vollmundigen Vernichtungsdrohungen nur noch begrenzt Macht ausüben.

Nachlassende Leistungskraft
Donald Trump hatte in seinem Wahlkampf damit geworben, die teuren Kriege der USA zu beenden und keine neuen zu führen. Diese Versprechen erfüllt er bisher nicht. Allmählich scheint sich bei vielen seiner Wähler und Anhänger Ernüchterung breit zu machen. Auch die angekündigten großen finanziellen Erfolge blieben bisher aus. Außer den rund 200 Milliarden zusätzlichen Zolleinnahmen kann er in Bezug auf die amerikanischen Staatsfinanzen wenig Zählbares vorlegen. Aber was sind 200 Milliarden plus X schon im Verhältnis zu den 38.000 Milliarden Staatsschulden der USA?

Das Haushaltsdefizit steigt trotz der höheren Zolleinnahmen, denn die Zinsen auf die Schulden galoppieren dem Präsidenten davon. Diese liegen inzwischen bei etwa 1.000 Milliarden Dollar im Jahr, also mehr als dem Vierfachen der zusätzlichen Zolleinnahmen. Doch dürfte bei letzteren nicht sehr viel mehr herauszuholen sein, da die Importe und damit die Zölle nicht in dem Maße steigen, dass inländische Wirtschaftsleistung und Konsum die Zinsen wettmachen könnten.
Die amerikanische Wirtschaft wirft nicht genug ab, um den amerikanischen Staat zu finanzieren. Zudem ist sie international wenig konkurrenzfähig. Deshalb sollen durch hohe Zölle nicht nur die direkten Einnahmen steigen sondern auch ausländische Unternehmen genötigt werden, in den USA zu produzieren. So könnte man die wirtschaftlichen Maßnahmen von Trump und seinen MAGA-Boys deuten. Neben Energieträgern und Agrarprodukten hat die US-Wirtschaft nur noch wenig, was sie exportieren kann – allem voran Waffen.

Rivale China
Im Gegensatz dazu rollt der große Konkurrent China wirtschaftlich die US-Märkte selbst auf und Amerikas Hinterhof Südamerika. Diesen Bestrebungen scheint nun Trump mit seiner neuen nationalen Sicherheitsstrategie den Kampf angesagt zu haben. Es sieht so aus, als wolle er den Chinesen in der eigenen Hemisphäre das Wasser abgraben und mit einer Art Kontinentalsperre den Zugang zum gesamt-amerikanischen Markt erschweren. China und Russland kommen immer wieder ins Gespräch, wenn es um die nationale Sicherheit geht. Das begrifft auch bei seine Ansprüche auf Grönland.
Den direkten militärischen Konflikt mit der Volksrepublik scheint Trump fürs erste abgesagt zu haben. Als Japan sich vor einigen Wochen in der Taiwanfrage mit China anlegte, pfiff der US-Präsident die neue japanische Ministerpräsidentin Sanae Takaichi zurück und forderte sie auf Chinas Wunsch hin zur Mäßigung auf. Selbst die chinesischen Manöver in der Taiwanstraße sah er nicht als beunruhigend an, auch wenn er sie selbst durch seine Waffenverkäufe an Taiwan befeuert hatte. Es wird immer deutlicher, dass Trump zwar Waffen verkaufen, aber nicht in Konflikte hineingezogen werden will, die mit diesen Waffen ausgetragen werden könnten.

Waffen sind der amerikanische Exportschlager schlechthin. Aber sie allein sind neben den schwindenden Agrarexporten nicht in der Lage, die US-Defizite auszugleichen. Die Öl-Exporte der USA leiden unter den sinkenden Weltmarktpreisen. Nicht zuletzt die Preisobergrenze der westlichen Sanktionen auf russisches Öl lassen die Preise sinken. Und die amerikanische Industrie ist im Gegensatz zur chinesischen nicht mehr in der Lage, durch Exporte zusätzliche Erträge zu erwirtschaften und damit zu einem stärkeren Abbau der Handelsdefizite beizutragen.

Selbst wenn China vom südamerikanischen Markt verdrängt werden sollte, ist die amerikanische Industrie nicht in der Lage, die Nachfrage zu bedienen - zumindest nicht zu chinesischen Preisen. Die schafft es ja noch nicht einmal mehr, Kriegsschiffe für die eigene Marine herzustellen. Dazu muss Trump schon südkoreanische Werften über die Köpfe der südkoreanischen Regierung hinweg zu Investitionen in den USA drängen. Den wenigen verbliebenen amerikanischen Cash-cows, den Flaggschiffen des Silicon-Valley, kann Südamerika wenig bieten und umgekehrt auch nicht.

Diebesgut
Einzig die amerikanische Erdöl-Industrie könnte aufgrund ihrer Leistungskraft und ihrer Erfahrung in Südamerika stärkere wirtschaftliche Bedeutung erlangen. Sie ist auch den Chinesen überlegen und verfügt über Abnehmer auf dem Weltmarkt, wo hingegen China selbst Abnehmer ist. Insofern ist Trumps Ansatz nachvollziehbar, sich mit den venezolanischen die größten Ölquellen der Welt unter den Nagel zu reißen. Er bezeichnet sie einfach als Diebesgut, das die Venezolaner den US-Konzernen gestohlen haben. Mit dieser Argumentation kann man offen zugeben, dass man es auf die Ölquellen abgesehen hat. Den unglaubwürdigen Vorwand des Kampfes gegen den Drogenhandel konnte man getrost über Bord werfen.
Ob es sich bei Trumps Vorgehen um eine durchdachte Strategie handelt, ist nicht klar zu erkennen. Denn Trump und seine Leute sind bisher nicht durch analytischen Tiefgang aufgefallen und nur weil er vollmundige Ansprüche und Drohungen ausstößt, ist das noch lange kein Plan. Vermutlich sieht die amerikanische Administration in den Ölquellen die einfachste Lösung für ihre finanziellen Probleme. Denn hier gibt es gewaltige Defizite und dort liegt das schwarze Gold in der Erde, sozusagen vor der eigenen Haustür, relativ ungeschützt, denn die Venezolaner sind aufgrund der verhängten Sanktionen nicht in der Lage, diesen Schatz zu heben oder zu verteidigen.

Was also liegt näher, als sich das gewaltsam zu holen, was Amerika braucht und worauf man glaubt, einen Anspruch zu haben? Das ist ein Denken, das zu Trump und seinen MAGA-Boys passen würde. Nachdem alle Versuche gescheitert sind, die amerikanischen Schulden und Defizite in den Griff zu bekommen, könnte es sein, dass man den Raub als geeignetes Mittel ansieht, zumal man sich auch einreden konnte, dass man sich nur Diebesgut wieder zurück holt. Da braucht man weder moralische noch rechtliche Bedenken zu haben. Stellt sich nur noch die Frage der Umsetzung dieses Vorhabens.
Für die Weltöffentlichkeit war das Vorgehen gegen Venezuela im Sommer des vergangenen Jahres ziemlich unvermittelt gekommen - besonders der Anti-Drogen-Einsatz als Begründung, war doch gerade Venezuela bisher nicht als Drogenstaat aufgefallen. Aber man hatte sich an Trumps Unberechenbarkeit und Sprunghaftigkeit inzwischen gewöhnt, weshalb auch viele mit einem baldigen Ende der Kampagne rechneten durch die Eröffnung eines neuen Konfliktfeldes an anderer Stelle. Als aber dann immer mehr Kriegsschiffe in der Karibik zusammen gezogen wurden, schien sich etwas Ernsthaftes zusammen zu brauen.

Zögerlich
Erst mit der offen vorgetragenen Forderung nach den venezolanischen Ölquellen kam etwas mehr Klarheit. Aber eine tiefer gehende Erklärung der Motive gab es nicht. Warum wollen die USA Krieg wegen Ölquellen führen? Sie haben eigenes Öl und die Ausbeutung des venezolanischen war ihnen zuletzt sogar von Maduro angeboten worden. Es blieb unklar, was die USA von der venezolanischen Regierung erwarteten. Trotzdem nahm der amerikanische Druck zu, die Drohungen wurden massiver, aber der erwartete militärische Großangriff blieb aus.

Vielleicht war man in Washington überzeugt, dass Caracas sich widerspruchslos unterwirft angesichts des gewaltigen Aufgebots vor seiner Küste. Jedenfalls schien man kein Konzept zu haben für den Fall, dass Maduro nicht klein beigibt. So dümpelte die größte Flotte, die nach Trumps Worten Südamerika je gesehen hatte, vor den venezolanischen Küsten, und über Wochen passierte nichts. Noch wenige Tage zuvor hatte die neue amerikanische Sicherheitsstrategie der Politik des regime change eine Absage erteilt. Dem widersprach der Einsatz vor Venezuela, der Millionen verschlang und kein erkennbares Ziel hatte.
So stieg die Unruhe nicht nur in Venezuela, sondern auch in den USA, selbst unter Trumps Anhängern, besonders jenen, die das von Trump verkündete Ende von Kriegseinsätzen für bare Münze genommen hatten. Nicht nur der Druck auf Maduro stieg, auch der auf Trump. Erste militärische Nadelstiche sollten Maduro wohl zeigen, dass man es ernst meint. Aber sie führten nicht zu Ergebnissen. Maduro blieb im Amt und seine Gefolgsleute an seiner Seite.

Die Bevölkerung Venezuelas wurde auf einen Angriff vorbereitet, Waffen wurden ausgegeben. Venezuela stellte sich auf einen Guerillakrieg ein, mit dem die USA bereits in Vietnam, aber auch in Afghanistan schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Gerade davor hatten auch die amerikanischen Militärs und Geheimdienste immer gewarnt. Ein solcher Krieg könnte die USA teuer zu stehen kommen, nicht nur finanziell. All diese Umstände könnten zu der Ansicht geführt haben, dass endlich gehandelt werden müsse: Entweder Angriff oder Rückzug. Aber Aufgeben kommt im Wörterbuch der MAGA-Hardliner nicht vor. So kam es zum Einsatz von Spezialgruppen.

In einer Nacht- und Nebelaktion griffen sie Caracas an und entführten Maduro. Aber anders als im Irak oder Afghanistan trauten sich die USA einen massiven militärischen Einsatz nicht zu. Obwohl das Einsatzgebiet vor der eigenen Haustür lag und damit die Versorgung wesentlich einfacher ist, obwohl die venezolanische Armee nicht so stark wie die irakische einzuschätzen ist, obwohl das Land militärisch und wirtschaftlich durch die Sanktion geschwächt ist. Die USA trauen sich keinen Krieg mehr am Boden zu. Dort liegt die eigentliche amerikanische Schwäche neben der wirtschaftlichen. Das Militär der USA kann die wirtschaftliche Schwäche nicht mehr wettmachen.

Wie weiter?
Trump versicherte in seiner Pressekonferenz, dass der Angriff ein Erfolg war und dass insofern der Grund für weitere militärische Operationen gegen Venezuela entfalle. Damit hatte er eine gesichtswahrende Begründung für einen Rückzug gefunden, oder aber er glaubt wirklich, mit der Gefangennahme Maduros den Sieg errungen zu haben. Doch die Probleme fangen jetzt erst an. Denn er selbst will nun Venezuela regieren, bis eine zuverlässige Regierung gefunden ist. Er scheint sich nicht daran zu erinnern, wie lange es im Irak gedauert hatte, bis das Land halbwegs stabil war. In Afghanistan ist das nie gelungen.

Aber solche Überlegungen scheinen seine Stärke nicht zu sein. Auch scheint man sich keine Gedanken gemacht zu haben, wie man diese US-Regentschaft in Venezuela umsetzen will. Maduro ist gefangen genommen, aber die venezolanische Regierung hat seine sofortige Freilassung gefordert. Sie ist also immer noch an der Macht und übt sie weiterhin aus, nicht Trump. Wie aber will er amerikanische Politik in Venezuela durchsetzen, wenn die dortige Regierung ihn nicht unterstützt? Anders als im Irak oder Afghanistan oder Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg hat Trump keine Besatzungstruppen dort, die notfalls seine Anordnungen mit Gewalt durchsetzen.

Selbst wenn er diese noch nachträglich hinschicken sollte, ist das venezolanische Volk auf einen Guerillakrieg eingestellt. Er wird Kräfte im Land brauchen, die mit ihm zusammenarbeiten. Ob Vertreter der venezolanischen Opposition dazu bereit sind ohne militärische Unterstützung und Schutz vonseiten der USA, ist äußerst fraglich. Maduro war bei vielen Venezolaner nicht beliebt, aber die Zahl von Trumps Anhängern ist sicherlich noch geringer, erst recht wenn die Gringos versuchen sollten, den Venezolaner eine amerikafreundliche Regierung vorzusetzen.
Hinzu kommt, dass Trump von sich aus eine Zusammenarbeit mit Führern der Opposition abgelehnt hat, also gerade jenen Kräften, die nach Angaben des Westens doch die Wahlen 2024 gewonnen haben sollen. Nach seiner Meinung verfügt nicht einmal die Nobelpreisträgerin María Corina Machado über Unterstützung oder Ansehen im Lande. Seinerzeit wurde sie als eine machtvolle Bedrohung für Maduro dargestellt. Wer irrt denn nun: Trump heute oder die westlichen Meinungsmacher damals? Was sagt das aus über die hoch gelobte Opposition in Venezuela?

Im Moment jedenfalls drängt sich anscheinend niemand auf, der Trumps Auftrag erfüllen könnte. Nach seinen Aussagen will er es selbst von Washington aus machen. Ob er dafür einen Plan hat, der zu den Verhältnissen vor Ort passt? Oder glaubt er, dass die amerikanische „Exzeptionalität“ im allgemeinen und seine im besonderen ausreichen, dass ihm die Massen zulaufen? In den USA jedenfalls laufen sie ihm eher davon. Damit steht das Venezuela-Abenteuer unter einem schlechten Stern.

Rüdiger Rauls ist Reprofotograf und Buchautor. Er betreibt den Blog Politische Analyse

02.01.2026

18:56 | Rüdiger Rauls: Reparationsdarlehen: Sieg der Märkte

Die russischen Vermögen bleiben unangetastet. Entgegen den Beteuerungen von der Leyens wird nun doch der europäische Steuerzahler die Zeche zahlen müssen. Die Angst um die Attraktivität des Euro und die internationale Finanzstabilität waren größer als die Angst vor Putin.

Geldsorgen
Trotz aller großen Ideale, mit denen man die europäischen Bürger gegenüber der Ukraine verpflichten will, ging es am Ende doch nur um den schnöden Mammon, den gerade Idealisten immer wieder so gerne geringschätzen. Denn ohne Geld lassen sich auch die edelsten Ideale nicht verwirklichen. Der Kampf der Ukrainer für die westlichen Freiheiten und Werte braucht Waffen, und diese liefern die USA nicht mehr umsonst. Schon gar nicht wollen die Waffenschmieden sie für einen warmen Händedruck abgeben.

Die meisten westlichen Staaten sind hoch verschuldet. Um ihre gesellschaftlichen Aufgaben und Pflichten finanzieren zu können, sind sie angewiesen auf Geldinfusionen durch die Märkte. Private und institutionelle Anleger kaufen die Anleihen der Staaten und erhalten dafür Zinsen. Je wackliger ein Staat ist, um so höher sind die Zinsen, die die Anleger für das Risiko verlangen, dass das verliehene Geld am Ende vielleicht nicht zurückgezahlt werden könnte. Die internationalen Rating-Agenturen ermitteln die Kreditwürdigkeit eines Staates und geben damit den Anlegern eine Orientierungshilfe für ihre Investitionsentscheidungen.

Die Ukraine ist einer der größten Wackelkandidaten an den internationalen Finanzmärkten und hatte auch schon vor dem Krieg immer wieder mit ihrer Zahlungsfähigkeit zu kämpfen. Ohne westliche Zuschüsse hätte sie schon längst kapitulieren müssen. Seit aber die USA aus der Finanzierung des Krieges ausgestiegen sind, liegt die Hauptlast auf den Europäern, hier besonders auf den Deutschen. Doch um deren finanzielle Möglichkeiten steht es auch nicht mehr zum Besten nach den Hunderten von Milliarden an Sondervermögen für die Aufrüstung der Bundeswehr und für die Ertüchtigung der Infrastruktur als Vorbereitung auf einen angeblich geplanten russischen Angriff.

Aber auch Sondervermögen müssen mit Zinszahlungen und Tilgung bedient werden, selbst wenn sie dem hehren Ziel des Schutzes der bestehenden Ordnung dienen. Da machen die Finanzmärkte keine Unterschiede. Ihnen ist auch der Kampf der Ukrainer ziemlich gleichgültig, selbst wenn diese ihr Leben für die westlichen Werte und Freiheiten geben. Werte und Freiheiten sind schön und gut, solange sie nicht zulasten der Rendite, also des schnöden Mammons gehen. Und wer seine Kreditverpflichtungen nicht erfüllen kann, wird nur schwerlich neue Geldgeber finden. Es sei denn, man hat Bürgen, also andere, die bereit sind, das Risiko zu tragen.

Auf Kosten anderer
Dieses Risiko tragen nun vermehrt die Europäer, seit es nicht gelungen ist, sich auf die Enteignung der russischen Vermögen zu einigen. Ursprünglich hatte dieses als Grundlage und Absicherung jenes Reparationsdarlehens dienen sollen, das man der Ukraine hatte zukommen lassen wollen. Damals war noch die Rede von den 140 Milliarden, die beim Zahlungsabwickler Euroclear angesammelt worden waren. Dieses Geld hatte der russische nationale Wohlfahrtsfond vor dem Ukrainekrieg in europäischen Anleihen angelegt. Damals sah man die EU noch als zuverlässigen Finanzmarkt an.
Als nach dem Ende ihrer Laufzeit die Anleihen getilgt wurden, war durch die Rückzahlung der investierten Beträge das russische Vermögen bei Euroclear stetig angewachsen. Wegen der westlichen Finanzsanktionen aber konnte es nicht an seinen Eigentümer, die russische Zentralbank, überwiesen werden. Die Zinsen auf dieses Guthaben hatten die Europäer schon frühzeitig als Grundlage für einen Kredit in Höhe von 45 Milliarden Euro zugunsten der Ukraine in Anspruch genommen. Auch hier war die rechtliche Grundlage sehr umstritten, führte jedoch noch nicht zu einer umfassenden Verunsicherung internationaler Anleger.

Nicht nur bei Euroclear, auch bei europäischen Privatbanken sind russische Vermögen festgesetzt worden. Beide zusammen werden auf etwa 210 Milliarden Euro geschätzt. Zwischenzeitlich war die Idee aufgekommen, auch diese Vermögen der Ukraine in Form von Krediten zur Verfügung zu stellen. Dies aber traf nicht nur auf den Widerstand der Geldhäuser, auch der französische Staat hielt „mit Verweis auf die Kundenvertraulichkeit ... geheim, bei wem diese Guthaben liegen“ (1). Das hoch verschuldete Frankreich befürchtet steigende Zinsen, wenn Banken zur Offenlegung von Guthaben gezwungen und damit eine Flucht aus europäischen Anleihen verursacht würden.

Nicht nur dieses Vorhaben, auch von der Leyens ursprünglicher Plan bezüglich der 140 Milliarden von Euroclear ist seit dem 18. Dezember dieses Jahres gescheitert, obwohl alle sogenannten Experten diesen Plan für rechtssicher und politisch unbedenklich erklärt hatten. Stattdessen ist nun Schmalhans Küchenmeister in der Ukraine. Neunzig Milliarden müssen ihr nun reichen, um für die nächsten beiden Jahre über die Runden zu kommen. Und entgegen aller vollmundigen Erklärungen von der Leyens und ihrer Ziehtochter Kallas kommen diese nun doch nicht von Russlands Sparbuch.
Hatte die Kommissionspräsidentin noch zu Beginn der Diskussionen über ihren Enteignungsplan eine Finanzierung der Ukraine auf dem Rücken der europäischen Steuerzahler vollkommen ausgeschlossen, so ist nun das genaue Gegenteil eingetreten. Die Europäer werden für den Willen von der Leyens und Kallas bluten müssen, Russland „eine strategische Niederlage“ zuzufügen. Die beschlossenen neunzig Milliarden zur Finanzierung der Ukraine kommen über Kredite, für die die europäischen nationalen Haushalte aufkommen werden müssen – direkt oder indirekt. Denn „abgesichert werden die Gemeinschaftsschulden über den EU-Haushalt“ (2).

Unklarheiten
Doch auch diese Milliarden aus den Taschen der europäischen Bürger werden nicht ausreichen, um den Finanzbedarf der Ukraine langfristig zu sichern. Laut Berechnungen des Internationalen Währungsfonds(IWF) hat Kiew einen Finanzierungsbedarf „in den kommenden beiden Jahren in Höhe von 136 Milliarden Euro.“ (3) Die EU will mit ihren 90 Milliarden etwa zwei Drittel des Bedarfs der Ukraine abdecken. „Der Rest soll im Wesentlichen von den anderen G-7-Staaten und zu einem geringen Teil auch vom IWF kommen.“ (4).

Ob diese Rechnung aufgeht und andere Feinde Russland bereit sind, weiterhin so viel Geld in der Ukraine zu versenken, wird sich noch zeigen. Denn die Sache hat einen entscheidenden Haken: Nach dem derzeitigen Modell „bekommt Kiew das Geld zinslos und muss es nur zurückzahlen, wenn es von Moskau mindestens in gleicher Höhe für Kriegsschaden entschädigt wird.“ (5). Derzeit aber sieht es nicht danach aus, dass Russland den Krieg verliert. Selbst wenn das einträte, dürfte sehr unwahrscheinlich sein, dass Moskau Reparationen zahlt. Darüber sind sich selbst die Blauäugigsten in Brüssel weitgehend im Klaren. Das bedeutet, dass die Geldgeber ihr Geld abschreiben können, was für Deutschland bedeutet hätte, „bei der ursprünglichen Summe von 210 Milliarden wären es 50 Milliarden gewesen. (6)

Insofern handelt es sich bei dem europäischen Kredit und seiner Tilgungsformel um eine Rechnung mit sehr vielen Unbekannten. Es stellt sich somit die Frage, ob es tatsächlich gelingen wird, das fehlende Drittel an der benötigten Summe von anderen Verbündeten außerhalb der EU aufzutreiben. Denn auch dort sieht man die Entwicklung an der Front. Zudem stellt sich die Frage, wie lange Selenskyj noch dem Druck der USA standhalten wird, einen Frieden mit Russland zu schließen, und wie lange die Europäer einen solchen Friedensschluss hintertreiben können. Jedenfalls werden die Europäer die Zinsen zahlen müssen, ohne von der Ukraine welche zu bekommen. Auch die Tilgung wird bei ihnen hängen bleiben, wenn Russland keine Reparationen zahlt.

Druck der Märkte
Nachdem immer mehr EU-Staaten dazu neigten, von der Leyens Enteignungspläne abzulehnen, kam unter dem Druck der Verhältnisse eine Lösung in letzter Minute zustande, mit der niemand gerechnet hatte, und die bisher auch immer besonders von Deutschland abgelehnt worden waren: die Aufnahme von gemeinsamen Schulden über Eurobonds. Wie groß die Not in der EU war, zeigt nicht nur dieser Beschluss selbst, der das bisher Undenkbare Wirklichkeit werden ließ. Das Ausmaß der Verzweiflung zeigt auch die Tatsache, dass es nicht nur zu diesen gemeinsamen Bonds kam, sondern dass sie gerade keine gemeinsamen sind.

Damit die Finanzierung der Ukraine überhaupt auf die Beine gestellt werden konnte, hat man von dieser endlich erzielten gemeinsamen Haftung gleich auch schon Ausnahmen gemacht. Tschechien, die Slowakei und Ungarn wurden von den Verpflichtungen des gemeinsamen Kredits entbunden. Sie müssen weder zahlen noch bürgen, sonst wäre der schöne Plan am Veto der Drei geplatzt. Für die Euro-Bonds treten alle anderen ein - außer den Dreien. Das Prinzip der EU, der gemeinsamen Beschlüsse und der daraus folgenden gemeinsamen Verantwortlichkeit, wurde ad absurdum geführt, kaum dass sie zustande gekommen war.

Worin aber bestand der Druck der Verhältnisse, dass Entscheidungen getroffen wurden, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen waren? Um den Krieg am Leben erhalten zu können, braucht die Ukraine dringend Geld, das sie nicht hat. Das bekommt sie in Form von Zuschüssen von den Gegnern Russlands, aber auch von privaten und institutionellen Anlegern, die ukrainische Anleihen halten. Die Investoren sind dazu jedoch nur bereit, wenn die Rückzahlung ihrer Einlagen als gesichert gilt. Diese ukrainische Schuldentragfähigkeit sollte durch den Internationalen Währungsfonds stand bis zum Ende dieses Jahres wieder geprüft werden.

Für eine positive Beurteilung verlangt er, „dass die Ukraine keine neuen Verbindlichkeiten mehr eingeht“(7). Aber wie soll sie dann weiterhin Waffen kaufen und den Staatsbetrieb finanzieren? Denn „von Mai nächsten Jahres an konnte Kiew ohne frisches Geld weder Renten noch Gehälter in voller Höhe zahlen.“(8) Deshalb braucht sie dringend Zuwendungen von ihren Partnern, anderenfalls hätte die Gefahr bestanden, „dass private Investoren dem Land den Rücken kehren und ein Ausverkauf ihrer Schuldtitel beginnt“(9). Für die EU hätte das bedeutet, dass die Ukraine die Waffen hätte strecken müssen und der Sieg über Russland hätte abgeschrieben werden müssen.

Ob die benötigten Gelder noch eingehen, ist sehr fraglich, „doch dürfte die EU-Zusage erst einmal reichen, um den IWF und die Finanzmärkte zu besänftigen.“ (10) Darum ging es bei der schnellen Entscheidung der Regierungschefs am 18. Dezember dieses Jahres. Um die Geldgeber des Ukrainekrieges bei Laune zu halten und einen Ausverkauf ukrainischer Schuldtitel mit anschließendem gewaltigem Zinsanstieg zu verhindern, wurden die heiligen Kühe der EU geschlachtet: Das Verbot gemeinsamer Schulden wurde gekippt. Die Einstimmigkeit von Beschlüssen wurde Ungarn, Tschechien und der Slowakei abgekauft und das Verbot einer Verschuldung zugunsten EU-fremder Staaten beiseite geschoben.

Damit aber droht sich der innere Zusammenhalt der EU allmählich aufzulösen. Das Beispiel Ungarns, Tschechiens und der Slowakei könnte Schule machen, dass eigentlich gemeinsam zu tragende Entscheidungen nur dadurch möglich werden, indem Mitglieder als Gegenleistung für ihre Zustimmung sich aus gemeinsamen Verpflichtungen freikaufen können. Bahnt sich hier der Zerfall der europäischen Union an, weil die wirtschaftlichen und politischen Interessen immer schwerer unter einen Hut zu bringen sind?

(1) FAZ 9.12.2025 Russisches Geld auf französischen Konten
(2) FAZ 20.12.2025 Eurobonds für die Ukraine
(3, 4) FAZ 18.12.2025 Warum die EU-Kredite an die Ukraine Risiken bergen
(5) FAZ 20.12.2025 Merz wird ausgetrickst
(6, 7, 8, 9) FAZ 18.12.2025 Für Kiew steht das finanzielle Überleben auf dem Spiel
(10) FAZ 20.12.2025 Merz wird ausgetrickst

Rüdiger Rauls ist Reprofotograf und Buchautor. Er betreibt den Blog Politische Analyse.

 

12:18 | TP: Ostrich-Effekt: Ab wann Menschen unangenehme Wahrheiten meiden

Aus neugierigen Fragestellern werden plötzlich Informationsvermeider – Forscher haben herausgefunden, wann genau dieser Wandel einsetzt. Der sogenannte Ostrich-Effekt (oder auch: Vogel-Strauß-Effekt) beschreibt ein Phänomen, das viele Eltern aus ihrem eigenen Alltag kennen: Man steckt den Kopf in den Sand, wenn Informationen unangenehm werden. Der Arzttermin wird verschoben, die Waage gemieden, kritische Nachrichten ausgeblendet. Doch wann genau entwickelt sich dieses Vermeidungsverhalten? Eine aktuelle Studie der University of Chicago liefert überraschende Antworten – und zeigt, dass der Wandel früher einsetzt als gedacht. Forscher um die Postdoktorandin Radhika Santhanagopalan untersuchten in ihrer Studie, die in der Fachzeitschrift Psychological Science veröffentlicht wurde, wie sich das Informationsverhalten von Kindern mit dem Alter verändert.

Neugier ist nur erlaubt, solange sie nicht wehtut. Sobald Wahrheit unangenehm wird, gilt sie als „toxisch“ und wird ausgeblendet. Am Ende bleibt kein Verstehen, sondern bequemes Wegsehen – angepasst und konform, so wie es gerade passt. JE